Donnerstag, 7. Mai 2009

Die Eroberung des Imbabura- Ich mal ein Stück weiter oben….


Mitten in der Nacht stehen wir auf. Dunkelheit liegt über dem Häusermeer von Ibarra. Alles schläft, außer einer Hand voll jungen Leuten, die gerade aufwacht. Auch ich hüpfe halb verschlafen aus dem Bett, dann hinaus auf das Dach. Ich will sehen, wie es um ihn steht, dem Berg, dessen schattenhaften Konturen sich nur kaum vom dunklen Nachthimmel abheben.
Dann mache ich mich rasch startklar und frühstücke mit meinen Teamkollegen und unseren Freund Messi, der uns heute hinaufführen wird. Noch einmal wird kurz ein Gedanke daran verschwendet, ob sich das frühe Aufstehen überhaupt gelohnt hat, dann steige ich in das Auto, das vor unserem Haus steht. Die Rucksäcke sind voller Proviant, die Mägen mit einem flüchtigen Frühstück. So fahren wir bergauf durch verschlafene Straßen, die schließlich in einem Feldweg enden. Irgendwann geht es mit dem Auto nicht mehr weiter. Vor uns liegt, nun ziemlich nah- greifbar nah- der Berg. Ein bedrohlich wirkender Riese scheint er zu sein, der zu dieser früher Stunde noch schläft, sollte man ihn wecken? Noch einmal kommen Zweifel: Wird die fast 4600 Meter hohe Bergspitze heute erreichbar sein, reichen die Kräfte…? Egal, hinweg sind die Einwände. Ich hole tief Luft und los geht es, hinein in den ungewissen Tag, der sich langsam ankündigt. Schließlich weicht die Dunkelheit mehr und mehr dem stärker werdenden Morgenlicht. Auch dieser Morgen reiht sich wie selbstverständlich einem jahrtausend anhaltenden Rhythmus ein. Ich, mittendrin im Wendepunkt von Dunkelheit und Licht, genieße die Morgenstimmung, während meine Beine mich langsam in die sonnenbestrahlte Bergwelt hinauftragen.
Meine Lungen atmen frische Luft und plötzlich, als sei es das, was ich schon lange im Dunst der Großstadt vermisst habe, lebe ich auf. So verliere ich mich im wehenden Gebirgsgras, das nun vom Morgenwind sachte hin und her geweht wird.
Schließlich machen wir eine kleine Pause und ich lobe den Schöpfer, der dies alles schuf und mit kindlicher Freude nehme ich die Frühe entgegen.
Doch lange wird nicht gerastet. Mein Blick wandert nach oben, in Richtung Ziel. Die Spitze zeigt sich zwischen den aufkommenden Wolken. Das Ziel scheint so nah und doch sind noch Hunderte von Höhenmetern zu überwinden.
Wir fünf steigen Schritt für Schritt dem Ziel näher und doch trägt sich jeder selbst hoch.
Diese Herausforderung kann mir keiner abnehmen. Mein Teamkollege liegt schon viele Meter vor mir, drei laufen hinter mir. Wir kommen bei 4000 Metern ü.N. zusammen. Ein kleines Schild an der Flanke eines hoch herausragenden Felsens verrät uns, dass die Höhe nun nicht mehr viel Luft für unsere sich abmühenden Lungen haben wird. Es werden kurz Fotos gemacht, gegessen und getrunken und weiter geht es. Die nächste Etappe verläuft entlang der Flanke des Felsens, hinauf ins windig- kalte Gefilde. Plötzlich sind eingehüllt von Wolken, die nur noch selten einen Blick nach unten frei geben. Die Bergspitze ist auch nicht mehr zu sehen. Ich nehme mir meinen Schal und binde ihn mir vors Gesicht, um wenigstens etwas Schutz vor der kalten Brise zu bekommen. Zum Glück habe ich mich dick angezogen, merke dennoch, dass der Schweiß an meinem ganzen Körper nicht dazu beiträgt, dass es mir komplett warm ist. Ich ziehe mir außerdem meine Mütze weiter hinunter und Schnüre die Kapuze meiner Regenjacke zu. Weiter geht es nun über kleine Pfade durch herausragenden Felsen. Führte der Weg vorher durch weites Terrain, ist er nun schmal. Links und rechts deutet sich die von Nebel trügerisch verhüllte Tiefe an. Meine Hände werden kalt und ich möchte sie am liebsten einziehen, irgendwo im Ärmel verstecken. Zumindest kann ich es mit einer Hand. Die andere hält weiter den Stab fest, der es ermöglicht, mich schneller und sicherer fortzubewegen. Immer wieder rieche ich den Eukalyptusgeruch meines Stabes, der am frühen Morgen ein abgestorbener Baum in einem Wald am Fuße des Berges war.
Das Auf und Ab der Windböen machen das Weiterkommen nicht leichter. Ich kann nur wenige Meter voraus Blicken, ohne zu wissen, in welche Überraschung mich der nur andeutungsweise erkennbare Pfad hineinführen könnte. Ich laufe über schmale Felsrücken und bald vermute ich, dass die Bergspitze wohl nicht mehr all zu weit weg sein müsste. Schnell wird noch ein Stück Schokolade gegessen, bevor wir uns auf das letzte Wegstück begeben. Es geht kletternd weiter hinauf. Nur noch andeutungsweise erkennt man Markierungen, die den Weg zwischen die zur Spitze sich auftürmenden Felsen weisen. Für einen Moment halte ich inne, wo geht es weiter? Zwei sind schon weiter oben irgendwo. Schon seit der letzen Pause sind sie voraus geklettert. Hinter mir kommen die beiden Frauen, kämpfend, aber doch stetig vorrankommend. Ich horche auf und neben dem Wind und unseren leisen Gesprächen ist da nichts mehr. Inmitten der vernebelten Bergwelt ist da eine angenehme Ruhe. Da sind nur wir, niemand sonst. Keine andere Menschenseele , keine Tiere, nichts. Ich rufe ein paar Mal hinauf, aber keine Antwort kommt von den anderen beiden. Da ich keine Markierung mehr sehe, klettere ich einfach weiter nach oben. An einer Stelle, die ein gutes Weiterkommen verspricht, ziehe ich mich hinauf und tatsächlich sehe ich wieder andeutungsweise einen Weg und bin ein wenig erleichtert. Wir sind erschöpft und außer Atem, aber wir können noch lachen und machen ein kurzes Video mit der Digitalkamera. Dann geht es weiter, warum auch lange stehen bleiben, wenn das Ziel so nahe scheint? Irgendwie hatte ich mir alles ein wenig strapazierender vorgestellt. Ich bin immerhin auf dem Berg, den ich bei jedem klaren Tag von unten aus staunend betrachtet habe. Imbabura- nach ihm wurde eine ganze ecuadorianische Provinz ernannt. Es ist ein Berg, den so mancher Einheimischer nicht einmal erklomm. Imbabura- ein einst Vulkan, der, so majestätisch anzuschauen, Ibarra seit Jahrzehnten friedlich in seinen Schatten liegen lässt.
Der in mir aufkommende Stolz ist jetzt aber meines Erachtens noch nicht ganz angebracht. Dennoch klettere ich ein wenig schneller, immer im Hinterkopf, dass Leichtsinn rasch bestraft werden kann. Ich bin froh, gutes Schuhwerk angezogen zu haben. Ebenso günstig ist der Zustand des Untergrunds. Ein vom Regen und Eis rutschig gemachter Boden hätte das Weiterkommen um einiges schwieriger gemacht.
Plötzlich sehe ich, wie es ein Stück hinunter geht, danach deutet sich im Nebel ein weiterer Anstieg an, der rasch erklommen wird. Ich treffe oben die beiden schon voraus gelaufenen. Ich kann es kaum glauben, als sie mir sagten, hier sei die Spitze. Ein merkwürdiger Moment, der anfangs in mir von verwirrten Gefühlen bestimmt ist. Wir umarmen uns alle und essen ein wenig. Währenddessen, und als hätte ich es geahnt, sehen wir, wie da neben uns für wenige Momente, der Felsen der wahren Spitze sich uns zeigt. Es geht also doch noch höher. Es ist der Ort, an dem Messi, unser ecuadorianische Freund nicht hinaufführen will. Zu Gefährlich und riskant sagt er. Aber dies ist immerhin der wirklich höchste Punkt dieses Berges und ich kann einfach nicht sitzen bleiben und folge Thilo, dem es vor mir schon gepackt hat. Während ich ihm mit neuem Mut angetrieben folge, sehe oben angelangt, eine blasse Gestalt im Dunst. Dann kommen Rufe. Dies ist die eigentliche Bergspitze! Schneller und schneller trage ich mich hinauf, bis ich endlich ganz oben ankomme. Felsgerippe ragen in die Höhe. Die eigentliche Spitze ist erreicht. Höher geht es wirklich nicht. Glücklich kommen dann doch auch die anderen nach, bis wir alle, oben angelangt, Fotos schießen und die ausgelassene Atmosphäre genießen.
Ich höre gespannt dem Psalm 121,1 zu, der vorgelesen wird: Ich erhebe meine Augen auf zu den Bergen von welchen mir Hilfe kommt. Genau hier scheine ich Gott ein wenig näher zu sein, obwohl ich weiß, dass er in mir lebt und dass er mir überall nah ist. Ob ich auf 4600 Meter Höhe auf einem ecuadorianischen Berg bin oder im 250 Meter hohen Hahnenfurt, überall kann ich meinem Gott nah sein. Dennoch staune ich auf besondere Weise, wie mächtig er ist, der diesen Berg mit seinen Händen formte, der mich mit diesem Tag beschenkte und auch wenn der Abstieg ganz schön nervig war, habe ich dieses Erlebnis in besonderer Erinnerung. So einen hohen Berg werde ich wohl in Europa so schnell nicht mehr erklimmen!